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Arbeitsmarkt10 Min.

Fachkräftemangel 2026: Was wirklich hilft — und was nicht

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Sebastian Braunmüller

Geschäftsentwicklung & Strategie · 16. Februar 2026

Über 770.000 offene Stellen im gewerblich-technischen Bereich, eine alternde Belegschaft und zu wenig Nachwuchs — der Fachkräftemangel in Deutschland ist keine Prognose mehr, sondern Realität. Besonders der Mittelstand spürt die Auswirkungen: Aufträge werden abgelehnt, Lieferzeiten verlängern sich, Bestandsmitarbeiter sind überlastet.

Doch zwischen Panik und Resignation gibt es einen dritten Weg: strategisch handeln. In diesem Artikel ordnen wir die aktuelle Lage ein und zeigen Hebel, die in der Praxis funktionieren — ohne Schönfärberei.

Wo stehen wir wirklich?

Die Zahlen des IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) und der Bundesagentur für Arbeit zeichnen ein klares Bild:

  • Die Vakanzzeit — also die Zeit, bis eine Stelle besetzt wird — liegt in technischen Berufen bei durchschnittlich über 200 Tagen
  • In Metallberufen, Elektrotechnik und Schweißtechnik herrscht laut BA-Engpassanalyse flächendeckender Mangel
  • Bis 2030 gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente. Allein in Bayern fehlen bis dahin geschätzt 350.000 Fachkräfte

Für Produktionsbetriebe, Stahlbauer, Maschinenbauer und Handwerksunternehmen heißt das: Der Arbeitsmarkt dreht sich nicht mehr zurück. Wer heute rekrutiert wie vor zehn Jahren, verliert.

Was nicht mehr funktioniert

Bevor wir über Lösungen sprechen — ein ehrlicher Blick auf das, was viele Unternehmen immer noch tun:

  • Stellenanzeige schalten und warten. In Engpassberufen bewerben sich auf klassische Ausschreibungen oft null bis zwei Kandidaten. Das ist kein Pech, sondern der neue Normalzustand.
  • Gehalt als einziges Argument. Ja, Geld ist wichtig. Aber wenn alle mehr zahlen, ist es kein Differenzierungsmerkmal mehr. Fachkräfte achten zunehmend auf Arbeitsbedingungen, Planbarkeit und Wertschätzung.
  • Hoffen, dass es sich von allein löst. Die demografische Entwicklung ist keine Konjunkturdelle. Sie wird sich verschärfen, nicht entspannen.

Sieben Hebel, die in der Praxis wirken

1. Ausbildung wieder ernst nehmen

Klingt nach einer Binsenweisheit — und trotzdem bilden immer weniger Betriebe aus. Laut DIHK ist die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze auf Rekordniveau. Gleichzeitig beklagen dieselben Unternehmen fehlende Fachkräfte.

Wer heute nicht ausbildet, hat in drei Jahren noch weniger Kandidaten. Konkret:

  • Ausbildungsmarketing modernisieren. Schüler sind auf TikTok und Instagram, nicht auf der Jobmesse. Ein authentisches 30-Sekunden-Video aus der Werkstatt erreicht mehr als jeder Flyer.
  • Einstiegshürden senken. Nicht jeder gute Schweißer braucht einen 2er-Schnitt in Mathe. Praktische Eignung sollte mehr zählen als Zeugnisse.
  • Kooperationen mit Schulen. Praktikumswochen, Werkstattbesuche, Patenschaften — wer früh Kontakt herstellt, hat bei der Berufswahl einen Vorsprung.

2. Weiterbildung und Umschulung

Nicht jede Stelle muss mit einem fertigen Facharbeiter besetzt werden. Quereinsteiger mit handwerklichem Geschick und der richtigen Einstellung können — mit gezielter Weiterbildung — in 6-12 Monaten produktive Teammitglieder werden.

  • Teilqualifizierungen nutzen. Die BA fördert modulare Qualifizierungen (z.B. über TQ-Programme). Ein Maschinenführer muss nicht den vollständigen Industriemechaniker machen, um produktiv zu sein.
  • Interne Weiterentwicklung. Helfer zum Facharbeiter, Facharbeiter zum Vorarbeiter, Vorarbeiter zum Meister — wer Wege aufzeigt, bindet und qualifiziert gleichzeitig.
  • Zusammenarbeit mit Bildungsträgern. Viele regionale Bildungswerke bieten maßgeschneiderte Qualifizierungen an — oft mit Förderung durch Arbeitsagentur oder Jobcenter.

3. Arbeitgeberattraktivität ehrlich aufbauen

Employer Branding ist zum Buzzword verkommen. Dabei geht es im Kern um eine einfache Frage: Warum sollte ein guter Schweißer bei Ihnen anfangen — und nicht bei dem Betrieb drei Kilometer weiter?

  • Flexible Schichtmodelle. Die 4-Tage-Woche ist auch in der Produktion machbar und wird zum echten Wettbewerbsvorteil. Einige Betriebe berichten von 40% mehr Bewerbungen nach der Umstellung.
  • Transparente Gehälter. Unternehmen, die Gehaltsspannen in Stellenanzeigen nennen, erhalten laut Studien bis zu 30% mehr Bewerbungen.
  • Echte Stimmen statt Stockfotos. Ein 30-Sekunden-Handyvideo von einem Mitarbeiter wirkt mehr als jede Hochglanzbroschüre.
  • Arbeitsumfeld verbessern. Saubere Sozialräume, vernünftiges Werkzeug, funktionierende Klimatisierung in der Halle — Basics, die oft vernachlässigt werden.

4. Recruiting-Prozesse beschleunigen

Ein oft unterschätzter Faktor: Viele Unternehmen verlieren Kandidaten nicht an die Konkurrenz, sondern an den eigenen Prozess.

  • Time-to-Offer prüfen. Wenn zwischen Erstgespräch und Vertragsangebot vier Wochen liegen, ist der Kandidat längst woanders. In Engpassberufen sollte das in unter zwei Wochen machbar sein.
  • Entscheidungswege verkürzen. Braucht es wirklich drei Gesprächsrunden für einen CNC-Fräser? Oft reichen ein gutes Gespräch und ein Probetag.
  • Bewerbung vereinfachen. Wenn ein Handwerker einen Lebenslauf in Word formatieren und ein Anschreiben verfassen muss, verlieren Sie ihn an der ersten Hürde. Bewerbung per WhatsApp oder Kurzformular — die Schwelle muss so niedrig wie möglich sein.

5. Bestandsmitarbeiter halten

Der günstigste Mitarbeiter ist der, den man nicht ersetzen muss. Klingt banal, wird aber systematisch vernachlässigt.

  • Regelmäßige Feedbackgespräche. Nicht einmal im Jahr beim Pflichttermin, sondern quartalsweise, informell, auf Augenhöhe.
  • Weiterbildung anbieten. Schweißer-Zertifikate, SPS-Schulungen, Meisterkurse — wer in seine Leute investiert, bindet sie.
  • Frühwarnsystem aufbauen. Überstundenentwicklung, Krankheitsquote, Stimmung im Team — wenn Sie erst reagieren, wenn die Kündigung auf dem Tisch liegt, ist es zu spät.
  • Wertschätzung zeigen. Das muss nicht das große Firmenevent sein. Manchmal reicht es, dass der Geschäftsführer morgens durch die Produktion geht und die Leute beim Namen kennt.

6. Ältere Arbeitnehmer nicht abschreiben

Deutschland diskutiert über Fachkräftemangel und schickt gleichzeitig erfahrene Facharbeiter mit 63 in den Vorruhestand. Das passt nicht zusammen.

  • Altersteilzeit statt Frühverrentung. Reduzierte Stundenzahl, angepasste Aufgaben — viele Ältere wollen arbeiten, nur nicht mehr Vollzeit in der Nachtschicht.
  • Ergonomische Arbeitsplätze. Hebehilfen, höhenverstellbare Werkbänke, Exoskelette in der Montage — die Technik ist da, sie muss nur eingesetzt werden.
  • Wissenstransfer organisieren. Ein Meister mit 35 Jahren Erfahrung hat Wissen, das in keinem Handbuch steht. Wenn er geht, ohne es weitergegeben zu haben, ist das ein unwiederbringlicher Verlust.

7. Über den eigenen Tellerrand schauen

Der deutsche Arbeitsmarkt allein wird den Bedarf nicht decken — das ist keine Meinung, sondern Mathematik. Ob EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit, Fachkräfteeinwanderungsgesetz oder bilaterale Abkommen — es gibt heute mehr legale Wege als je zuvor, internationale Fachkräfte zu gewinnen.

Aber auch jenseits von Landesgrenzen gibt es ungenutztes Potenzial:

  • Frauen in gewerblich-technischen Berufen. Der Frauenanteil in der Metallbearbeitung liegt unter 10%. Hier liegt ein riesiges, kaum erschlossenes Potenzial — wenn Betriebe bereit sind, ihre Strukturen anzupassen.
  • Geflüchtete mit Bleibeperspektive. Viele haben handwerkliche Vorerfahrung und hohe Motivation. Mit Sprachförderung und Begleitung können daraus langfristige Mitarbeiter werden.
  • Branchenwechsler. Ein Automechaniker kann CNC lernen. Ein Tischler kann Metallbau. Transferierbare Skills werden systematisch unterschätzt.

Die unbequeme Wahrheit

Es gibt keine Wunderlösung für den Fachkräftemangel. Kein einzelner Kanal, kein Tool und kein Dienstleister wird das Problem allein lösen. Was funktioniert, ist eine Kombination aus mehreren Hebeln — abgestimmt auf die eigene Branche, Region und Unternehmensgröße.

Die Unternehmen, die am besten durch die aktuelle Lage kommen, haben drei Dinge gemeinsam:

  1. Sie haben aufgehört, auf den perfekten Kandidaten zu warten — und investieren in Entwicklung und Qualifizierung
  2. Sie haben ihre Prozesse und Arbeitsbedingungen an den Bewerbermarkt angepasst, nicht umgekehrt
  3. Sie behandeln Mitarbeiterbindung mit derselben Priorität wie Neueinstellung

Das ist kein Hexenwerk. Aber es erfordert die Bereitschaft, alte Gewohnheiten zu hinterfragen und neue Wege zu gehen — auch wenn das unbequem ist.

Weiterführende Quellen

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